Kirchenführung

Entdecken Sie die Schätze der Ludgeri-Kirche

In aller Kürze die Baugeschichte der Ludgeri-Kirche, ehe der Rundgang beginnt.

Die Ludgerikirche, heute die größte mittelalterliche Kirche Ostfrieslands, wurde in mehreren Bauabschnitten errichtet. Der älteste Teil ist das heutige Langschiff , das in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts als romanische Einraumkirche erbaut wurde. Diese schloss im Osten mit einer halbrunden Apsis (Altarraum) ab, und hatte an den Seitenwänden kleine Rundbogenfenster. Der freistehende Glockenturm aus dem frühen 14. Jahrhundert ist heute durch eine Straße von der Kirche getrennt. Etwa um dieselbe Zeit wurde die Kirche durch ein Querschiff erweitert, das 1445 seine heutige Gestalt erhielt. Bald danach wurde auch der dreischiffige Chor errichtet, offenbar nach dem Vorbild des Chors der Martinikirche in Groningen. Maßgeblich am Bau des Querschiffs und Chores beteiligt war der Norder Häuptling und spätere ostfriesische Reichsgraf Ulrich I. aus dem Hause Cirksena. Die Ausstattung der Kirche umfasst Kunstwerke und Glaubenszeugnisse aus den verschiedensten Zeiten und Stilrichtungen.

Beim Rundgang um die Kirche herum sei besonders hingewiesen auf den noch von der spätromanischen Zeit zeugenden Westgiebel, der mit dem Glockenturm stilistisch verwandt ist, auf die kleinen Rundbögen der ehemaligen romanischen Fenster im nördlichen Mauerwerk des Langschiffs, auf das Relief im Tympanon über dem Nordportal des Querschiffs, die Anbetung der drei Könige darstellend (um 1240), auf den gliedernden Wechsel zwischen Tuffstein und Backstein im Mauerwerk von Querschiff und Chor und schließlich auf den Glockenturm, der seit 1992 ein Glockenspiel der niederländischen Glockengießerei Eijsbouts enthält, das mit seinen 18 sehr rein klingenden Glocken viermal am Tag zu hören ist.

Durch den Flur der angebauten Küsterei kommt man rechter Hand zunächst in das Langschiff. Seine Herkunft aus der Zeit der Romanik ist kaum noch erkennbar, weil heute das Holztonnengewölbe aus dem 18. Jahrhundert und die großen gotischen Fenster aus dem 19. Jahrhundert, sowie das Gestühl und die Emporen (seit der Reformation nach und nach eingebaut) den Raumeindruck bestimmen.

Am Ende des Langschiffs dominiert rechts die barocke Kanzel mit einem mächtigen Schalldeckel. Sie wurde 1712 von Rudolph Garrelts errichtet, einem aus Norden stammenden und damals in Hamburg, später in den Niederlanden wirkenden Orgelbauer. Die Heilsgeschichte, die allsonntäglich von dort aus verkündigt wird, ist für den Betrachter in den vielen geschnitzten Figuren wiederzufinden, die von dem niederländischen Bildschnitzer Jan de Rijk stammen: Das tragende Fundament bildet Mose mit den zwei Gesetzestafeln (die 10 Gebote enthaltend). Am Kanzelkorb ist Jesus, der Retter der Welt (I[ESUS] S[ALVATOR] MUNDI), die zentrale Figur, flankiert von Johannes dem Täufer und den vier Evangelisten auf der einen und den Aposteln nebst Martin Luther auf der anderen Seite (am Treppenaufgang). Von der Kreuzigung künden die Figuren mit den Marterwerkzeugen oben auf dem Rand des Kanzeldeckels, von der Auferstehung die Reliefs darüber (an der Laterne) und von der Ewigkeit schließlich die bekrönenden Engel. 

Im mittleren Teil des Querschiffs, also der Vierung, ist im Gewölbe in einem Fresko (in den frischen Kalkputz gemalt) Christus als Weltenrichter dargestellt. Er thront auf dem Regenbogen (dem Zeichen des Bundes Gottes mit den Menschen), seine Füße ruhen auf der Erdscheibe und aus seinem Munde gehen Schwert und Lilie als Zeichen des Gerichtes und der Gnade. Zu beiden Seiten knien fürbittend Maria und Johannes (der Täufer), und zu seinen Füßen beginnt die Auferstehung der Toten. Die übrige, ebenfalls mittelalterliche Ausmalung des Querschiffs und des Chores ist rein ornamental gehalten und unterstreicht die architektonischen Formen der späten Gotik. Die großen Fenster an der Nord- und Südseite des Querschiffs, nach den Lutherfeiern von 1883 (Luthers 400. Geburtstag) eingebaut, stellen die Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon dar.

Ein international bedeutendes Kunstwerk ist die barocke Orgel, die zwischen 1686 und 1692 von dem berühmten Hamburger Orgelbauer Arp Schnitger erbaut wurde. Ihre ungewöhnliche Platzierung um den südöstlichen Vierungspfeiler herum trägt der ungewöhnlichen räumlichen Struktur der Kirche Rechnung und lässt ihren edlen Klang in allen Raumteilen gut hören. Seit der 1985 abgeschlossenen umfassenden Restaurierung durch den Leeraner Orgelbauer Jürgen Ahrend ist sie ein starker Anziehungspunkt für Orgelfachleute und -liebhaber aus aller Weit.

Am Pfeiler gegenüber der Orgel ist ein großes steinernes Grabdenkmal zu sehen, das 1678 für den Drost von Lütetsburg und Ahnherrn der Grafen und Fürsten zu Inn- und Knyphausen, Unico Manninga (+ 1588) errichtet wurde. Oberhalb des anbetend liegenden Toten ist die Auferstehung Jesu dargestellt, umrahmt von allegorischen Figuren für die vier Kardinaltugenden und die drei christlichen Tugenden.

Die räumliche Zweiteilung der Kirche wird seit dem Ende des 17. Jahrhunderts unterstrichen durch den Fürstenstuhl, dem Sitz der zunächst gräflichen, später fürstlichen Familie Cirksena. Als Ersatz für die darunter noch erhaltenen gotischen Grafenstühle wurde er 1596 "gebouwet vor de lewe Overicheit”. Der 1601 von der Gräfin Katharina (einer schwedischen Königstochter) dort angebrachte Giebel zeigt den hebräischen Namen Gottes und das Wappen der Cirksenas und des schwedischen Königshauses.

Die Ausstattung des Hochchores stammt weitgehend noch aus vorreformatorischer Zeit, so der schlichte sechseckige Taufstein, das seitliche gotische Chorgestühl von 1481, das vermutlich aus dem einstigen Norder Benediktinerkloster stammt und an seinen östlichen Seitenwangen in kunstvoller Holzschnitzarbeit die Verkündigung des Engels an Maria und die Kreuzigung Jesu zeigt, sowie das um 1500 entstandene Sakramentshaus aus Baumberger Kalksandstein, dessen durchbrochene Bekrönung einem spätgotischen Kirchturmhelm gleicht.

Der Hochaltar geht auf das späte 15. Jahrhundert zurück, gehörte sicherlich auch zur Erstausstattung des Hochchors und ist der einzige von ursprünglich fünf Altären, der die Reformation wenigstens in Teilen überdauert hat. Erhalten ist aus dieser Zeit noch der spätgotische Baldachin mit dem reichhaltigen Schnitzwerk als Bekrönung. Im unteren Teil wurde der einstige Schnitzaltarschrein nach der Reformation (1577) durch Einsetzen einer großen Tafel zu einem protestantischen Schriftaltar im Renaissancestil umgestalltet. Die Beschriftung in Goldbuchstaben auf azurhitblauem Hintergrund zeigt in mittelniederdeutscher Sprache auf der Mitteltafel die Einsetzungsworte zum Abendmahl, auf den Flügeln zu beiden Seiten weitere Bibeltexte zum Abendmahl und auf den Außenseiten der Flügel die Zehn Gebote.

Nach den liturgischen Gepflogenheiten der damaligen Zeit waren bei den täglichen Wochengottesdiensten die Flügel zugeklappt und die Zehn Gebote zu sehen, die das Alltagsleben regeln. Für die Gemeinde waren sie zugleich Ermahnung und Aufruf zur Reue, wenn man sie übertreten hatte. Sonntags waren die Flügel geöffnet, denn dann wurde das Abendmahl gefeiert, in dem die Vergebung der Sünden erfahren wurde.

Im Chorumgang, also den im Osten zusammenlaufenden beiden Seitenschiffen des Chores, sind neben vielen Epitaphen (meist hölzernen Erinnerungstafeln) und steinernen Grabplatten (z. T. im Fußboden liegend) auch die Sandsteinfiguren zu sehen, die Jahrhunderte lang die Giebelfronten des Querschiffes schmückten und heute zum Schutz vor weiterer Verwitterung in der Kirche aufgestellt sind.


Die Sandsteinfiguren stammen aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts und lassen den Einfluss der nordfranzösischen Kathedralplastik erkennen. Am besten erhalten ist die Marienfigur. Am südlichen Querschiffgiebel sind seit 1985 ergänzte Kopien dieser Figuren angebracht.

Grundriss der Ludgerikirche

Der Hochchor von außen

Der Eingang

Das Taufbecken