Orgelkonzerte


Internationale Sommerkonzerte 2017

Im Zentrum der Sommerkonzerte an der Norder Arp-Schnitger-Orgel stehen im Reformationsjahr 2017 Kompositionen über Luther-Lieder.

Wiederum konnten international renommierte Solisten für die Konzertreihe an Ostfrieslands größter und bedeutendster Orgel gewonnen werden (Details siehe nebenstehenden Kasten).


Rückblick auf die Sommerkonzertreihe 2016

Der Niederländer ist ein großer Fan der Arp-Schnitger-Orgel in der Ludgerikirche. norden/ish
Fot: Hartmann

Über Jan Pieterszoon Sweelinck (1562-1621) heißt es bei Wikipedia im Internet, er habe besonders in den Wintermonaten abends ab 18 Uhr gern an der Orgel in Amsterdam gesessen, um zu improvisieren. Vielleicht hat das sein Landsmann Henk de Vries gelesen und gedacht, das könne er doch auch mal in Norden probieren.Der niederländische Kantor und Organist aus dem Groninger Land war Ende August der letzte Gast im Rahmen der „Internationalen Sommerkonzerte“ an der Arp-Schnitger-Orgel in der Norder Ludgerikirche.

Henk de Vries hat sich sogleich in das gute Stück verliebt und wollte unbedingt „seine Grenzen“ ausprobieren, wie er nach dem Konzert sagte, noch selbst spürbar ergriffen von den Klängen, die er der Orgel entlockt hatte. Mit Kompositionen von Sweelinck eben, von Scheidemann und Scheidt, vonBach,Buxtehude, Praetorius und Muffat. Und eben mit einer eigenen Improvisation. Wenn auch „Hausherr“ Thiemo Janssen zu Beginn des Abends gesagt hatte, das „Magnificat primi toni“ von Praetorius stehe im Zentrum des Abends, spürten die Besucher doch, dass es vielmehr die Momente waren, in denen de Vries „seine Grenzen“ austestete. Nicht zu vergessen die Grenzen der Orgel, der er gefühlt völlig neue Töne entlockte. Wie sagte er doch später, der Klang fasziniere ihn, jeder einzelne, aber dann auch das große Ganze. Genauso spielte deVries, näherte sich dem selbst gewählten Thema langsam an. Manchmal glaubte man den Luftzug der Orgelpfeifen zu spüren, als wolle der Spezialist genau testen, wann wie wo der Ton entsteht, geformt wird und erklingt. Leise, dann lauter. Und dann mehr Töne, immer mehr... – de Vries schien sein Publikum an die Hand nehmen zu wollen, als führe er sie mit dem Orgelspiel durch eine Reihe von Irrlichtern im Dunkeln, niemand weiß, wohin es geht, nur er. Lässt es plötzlich schrill werden, Töne dringen in alle Fasern. Der Mann zieht einen mit Tönen in den Abgrund. Und manchen Besucher lässt er gleich unten liegen... Unsinn – spätestens beim folgenden Stück von Heinrich Scheidemann hatte de Vries sie alle zurückgeholt mit melodischen Klängen, der Bearbeitung einer Chormotette. Hier meinte man die Stimmen singen zu hören. Harmonien für die Seele. Vielleicht war das das Außergewöhnliche zum Finale – die große Bandbreite, die de Vries präsentierte. Etliches mit meditativem Charakter, mit langgezogenen sehr getragenen Klängen. Es schien, als wolle der Organist bewusst noch einmal reinhören und –fühlen in jeden einzelnen möglichen Ton dieser alten Orgel. Dazu wie ein Sahnetüpfelchen auf dem Kuchen diese verspielten Elementein derToccata prima von Georg Muffat. Der hatte mit der norddeutschen Orgellandschaft nie wirklich zu tun. Der gute Mann war im 17. Jahrhundert eher in Paris, Straßburg, Wien und Passau an der Orgel zu finden, sein Stil, erklärte Janssen vorab, sei eher französisch-italienisch. Umso interessanter, diese Musik mal zu hören, mal bedeutungsschwer, mal voller strahlender Tonfolgen. Dann das de Vries-„Heimspiel“ mit Sweelincks „Echo Fantasia“. Als ginge ein Mensch über Klangtrittstufen und ein anderer hinterher – Echo eben. Mal lieblich,mal rein phantastisch. Mal gluckst es, mal piept es – schon Sweelinck hat wohl gewusst, dass man einer Orgel die unglaublichsten Töne und Tonfolgen entlocken kann! Zum Ende zog de Vries dann noch einmal alle Register. Nahm die Zuhörer mit in die melancholische Klangwelt von Samuel Scheidt und präsentierte auch hier wieder dem Ohr eher unbekannte spannende Klangfarben. Mit Bachs Praeludium und Fuge in G-Dur verabschiedete er das Publikum, wirbelte noch einmal beschwingt über die Manuale, trieb die Töne förmlich vor sich her. Noch einmal Dramatik – und dann ist der Orgelsommer am Mittwoch für dieses Jahr vorbei. „Mit der Resonanz sei man durchaus zufrieden, sagte Thiemo Janssen im Anschluss an das Konzert. Die Konkurrenz sei durch die vielenVeranstaltungen sehr groß, abe rman wolle dem Publikum durch die große Bandbreite des Programms und der vielen verschiedenen Organisten auch die Möglichkeit geben, die Arp-Schnitger-Orgel mit möglichst vielen ihrer Facetten zu erleben.
Ostfriesischer Kurier vom 3. September 2016


Rückblick: Annette Richard und David Yearsley am 29. 7. 2015

Quer durch die Register fliegen 20 Finger über die Manuale
Foto: Hartmann
Die beiden haben schon angefangen, da kommen immer noch Menschen in die Kirche. „Vier Hände, vier Füße“ ist der Titel des Orgelkonzertes – Annette Richards und David Yearsley locken an diesem verregneten Mittwochabend viele Besucher in die Ludgerikirche. Die beiden Organisten spielen im Rahmen der Sommerkonzerte in Norden. Der Vorraum gibt schon untrügliche Hinweise: Hier reiht sich Regenschirm an Regenschirm, beinahe so aufgereiht wie später die Gäste in den Kirchenbänken. Nur kurz hören die es draußen niederprasseln, dann sind es die Orgelklänge drinnen, die wohltuend ablenken, denn sie prasseln, gluckern und rauschen, und dann fließen sie und hinterlassen glitzernde Spuren. Wie viel angenehmer es an diesem Abend doch ist, Töne über sich hinwegbrausen zu hören als Regenwasser auf der Haut zu fühlen. Die beiden Organisten aus den USA lassen zu Beginn kaum Zeit, Atem zu holen. Mit Stücken von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) und Thomas Tomkins (1572 bis 1656) geht es gleich „in die Vollen“. Gewaltig, verdichtet der Klang besonders bei Bachs „Pièce d’Orgue“, so verdichtet, als wolle sich drinnen passend zum Wetter draußen etwas zusammenbrauen. Es ist einem Sturm gleich, was Richards und Yearsley da auf den Manualen entstehen lassen. Schade, dass man unten in den Kirchenschiffen nicht sehen kann, was die beiden da oben an der Orgel leisten. Wie schnell flitzen die 20 Finger über die Manuale? Wie bewegen sich die vier Füße auf den Pedalen? Auch die Einlage „A Fancy for two to play“ von Thomas Tomkins gibt keine wirkliche Verschnaufpause, auch hier geht es gewaltig, aber stimmungsvoll zu. Erst mit „A Verse – In Nomine“ von Nicolas Carleton (etwa 1570 bis 1656) wird es langsam ruhiger in der Kirche. Nach schnellen wirbelnden Reisen durch alle Register geht es nun gesetzt zu, plötzlich bleiben Töne förmlich im Raum stehen, ja kleben. Bis sie sich schließlich im Nichts verlieren. Was für ein Kontrast! Mit Nicolaus Adam Strungk (1640 bis 1700) wird es wieder schneller, fordernder, es tauchen Melodiefolgen auf, die einem bekannt vorkommen. Zu diesem Zeitpunkt hat längst jeder das blöde Wetter draußen vergessen und gibt sich dem Hörgenuss hin. Statt im Regenwetter badet jeder in satten Klängen – ob jeder verinnerlicht hat, dass hier zwei Menschen nebeneinander an der Orgel sitzen, dass regelmäßig vier Hände greifen, vier Füße treten? Dank ihnen bleibt es auch bei Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) abwechslungsreich, es gluckst, hüpft und klickert nur so durch die Kirche. Die Registerwahl macht besonders die Fuge in d-Moll spannend. Das Finale gehört Antonio Soler (1729 bis 1783). Man braucht gar nicht zu wissen, dass Soler Spanier war, man hört es an seiner Musik. Richards und Yearsley führen im „Concierto para dos organos“ gleichsam einen Stierkampf auf, aus jeder Melodiefolge spricht wildes, nur mit Mühe zu beherrschendes Temperament. Wie im Galopp rauschen die Töne vorbei, nur die Klänge bleiben, wie Staub aufgewirbelt, zurück. Es ist ein furioses Finale, das die beiden Organisten da bieten – und ein berauschtes Publikum entlässt es nicht. Eine Zugabe immerhin erklatscht es sich!       Irmi Hartmann - Ostfriesischer Kurier

Rückblick: Balint Karosi am 12. 8. 2015

Mit einem Amerikaner auf dem Weg in die „neue Welt“
Foto: Brennecke
Der Titel „Aus der neuen Welt“ nahm es ja schon vorweg. Dabei: Was heißt „Neue Welt“ heute noch? Amerika? Passt nur bedingt, denn Organist Balint Karosi, der am Mittwoch in der Ludgerikirche an der Arp-Schnitger-Orgel zu hören war, musiziert und lehrt zwar in Boston, stammt aber aus Ungarn. Und sein Programm? Aus einer „Neuen Welt“ insofern, als er Musik von Erland Hildrén (geboren 1963) und Peter Planyavsky (1947) auf der Liste hatte, also von Zeitgenossen. Und sonst? Wussten doch die zahlreichen Zuhörer am Ende des gut einstündigen Konzerts wohl ziemlich genau, was „Aus der neuen Welt“ in diesem Fall bedeuten konnte: Mal was ganz anderes hören als das, was man von Orgeln so gewohnt ist... Da waren Tonfolgen, Melodien, die längst nicht jedem vertraut sind. Immerhin: Mit dem Präludium und der Fuge in G-Dur von Johann Sebastian Bach am Schluss waren es doch noch einmal eher bekannte Klänge. Aber mittendrin? Manchmal konnte man froh sein, reichlich Publikum um sich herum zu wissen, so unheimlich klang es durch die Kirche. Man könnte meinen, Nebelschwaden zögen an einem vorbei, durch einen hindurch, so düster, so dumpf die Töne. Wer jemals Arthur Conan Doyles „Hund von Baskerville“ gelesen oder eine alte Verfilmung gesehen hat, fühlte sich fast selbst im kalten Moor versinken, glaubte, die Nebeltropfen auf sich zu spüren bei Hildréns Messe über B-A-C-H für Orgel. Sehr eindrucksvoll, sehr skurril oder – schlecht formuliert: sehr besonders. Und so ein Erlebnis, nachdem man soeben zuvor vermutet hatte, an der Orgel ein Popstück gehört zu haben. Schnelle Rhythmen, skurrile Folgen, das war, als versuche eine alte Dame (die gute Arp-Schnitger-Orgel) plötzlich wie ein junges Mädchen zu hüpfen, zu tanzen zu modernen natürlich schnellen Rhythmen. Ja, doch, sie stöhnt und ächzt ein bisschen, aber – Wunder – es geht! Manchmal ist es zwar, als wollten die Töne davongaloppieren, könnten aber nicht, weil die betagte Orgeldame eben nicht schneller kann – aber ein besonderes Klangerlebnis verschaffte der Organist seinen Zuhörern in jedem Fall. Balint Karosi malte die verschiedensten Farben in sein kurzweiliges Konzert. Bachs Orgelbearbeitung eines Concertos in G-Dur für Streichorchester (von Johann Ernst Prinz von Sachsen-Weimar, 1696 – 1715) war ein Beispiel für die besonderen Stücke, die er ausgewählt hatte. Natürlich verglich jeder im Kirchenraum die gehörten Töne insgeheim – wie würde es klingen, wenn ein Orchester das spielt? Immer deutlich: Es ist das Werk eines sehr jungen Menschen, der Prinz wurde ja nur knapp 19 Jahre alt. Nichts Gewaltiges, nichts Opulentes, eher Zartes, Verspieltes kam da aus den Orgelpfeifen, viele einzelne klare Töne perlten da herab. Überraschungen – dafür war das ganze Programm gut. Mit Peter Planyavsky wurde Karosi noch einmal modern, Klänge, dem Synthesizer ähnlich, beherrschten auf einmal die Musik – sie alle ein deutliches Beispiel dafür, wie vielfältig man mit Orgelmusik zaubern und brillieren kann. Fast „nebenbei“ spielte Karosi dann auch noch eine Improvisation zu einem Gesangbuchstück: „Du meine Seele singe“. Damit sie das tun konnte, spielte Karosi wunderbar lieblich, beinahe fein. Dieses „Feine“ kennzeichnete den gesamten Abend, den vor allem viele Touristen zum Konzertbesuch nutzten.          Irmi Hartmann - Ostfriesischer Kurier

Rückblick: Ensemble Marescotti am 2. 9. 2015

Gänsehaut in der Ludgerikirche: Würdiger Abschluss der Sommerkonzertreihe mit dem Ensemble „Marescotti“
Foto: Hartmann
Sie gehören vielleicht zu den am meisten unterschätzten Instrumenten: die Blockflöten. Dass sie aber geradezu himmlische Klänge hervorbringen können, das durften jetzt all jene Besucher miterleben, die zum letzten Mittwochs-Sommerkonzert in die Ludgerikirche gekommen waren. Hausherr Thiemo Janssen kündigte einen „besonderen Höhepunkt“ zum Abschluss an, für den er das Ensemble „Marescotti“ aus Lemgo eingeladen hatte. Bemüht, jedem Besucher einen höchstmöglichen Genuss zu verschaffen, ging Janssen vorab durch die Kirchenreihen: „Gehen Sie weiter nach vorn, damit Sie die Musik besser hören können!“ Er wusste, warum er jedem diese Musik so direkt ans Herz legte, mit den ersten Tönen von oben spürte das jeder in der Ludgerikirche. Gänsehautgefühl pur, als von dort, wo sonst die Orgelklänge dominieren, zarte Flötentöne nach unten drangen und Uta Singers „Alleluja!“ Das heißt, stimmt nicht, die Orgel klang auch, aber ganz anders, als man es gewohnt ist. Nicht dominant, nicht den Raum beherrschend, nicht alles ausfüllend, sondern im Hintergrund bleibend, unterstützend. Den Gesang von Uta Singer, die Flötentöne von Katrin Krauß und Hartmut Ledeboer. Ein tolles Erlebnis, das wahrlich unter die Haut ging. So lieblich und zart erstrahlte es von oben, die Musik schien aus dem Nichts zu kommen, aber die gesamte Kirche dennoch förmlich zu fluten. Niemals durchdringend, immer zart, aber doch unglaublich präsent. Manche Töne nur angedeutet, scheinbar flüchtig ins Instrument gehaucht, angetippt, so vorsichtig, wie eine Katze die Pfote übers Wasser hält, ließen die beiden Flötenkünstler Krauß und Ledeboer die Töne heraus. Immer genau aufeinander achtend, ständig im Blickkontakt, waren sie perfekt aufeinander eingestimmt, egal, welche ihrer vielen Flöten sie in die Hand nahmen. Aus reiner Spielfreude, so schreiben die Ensemblemitglieder über sich selbst, haben sie sich vor zehn Jahren gegründet, um die „Lebendigkeit der Musik des 14. bis 17. Jahrhunderts“ zu entdecken und hörbar zu machen. Das ist ihnen in dieser Woche in der Ludgerikirche ganz sicher gelungen. Ihr Programm: „Musik aus dem Garten Eden“.Musik aus dem Paradies? Legt man diese Musik zugrunde, muss es dort tatsächlich wunderschön sein. Freudige, glockig-helle Töne bestimmten diesen Abend, manchmal beinahe vorsichtig zurückhaltend, ja schüchtern erklangen die Instrumente. Die vier Musiker zelebrierten in geradezu bescheidener Manier wunderbarste Klänge. „Jubilieret und musizieret mit Singen und Saitenspiel, mit Harfen- und Orgelton, mit Zymbelklang und sanftem Flötenspiel (...)“ sang Uta Singer gleich zu Beginn aus Orgelplatzhöhe auf die Zuhörer herab. Genau das setzte das Ensemble anschließend mit Motetten und Chorälen aus dem 16. und 17. Jahrhundert um, und das Publikum erlebte, wie Maiglöckchen, Schwertlilie und Geißblatt in musikalischer Form erblühen können. In wunderbarsten (Klang-)Farben. Und es kam noch besser, wurde ihm doch Händels „Flammende Rose“ sowohl als etwas Liebliches und Fröhliches, als auch als etwas ganz Erhabenes und Tiefgehendes überreicht. Besonders interessant: Die Musiker wechselten im Mittelteil ihres Konzertes den Standort, kamen nach unten, spielten für alle direkt sichtbar. Wie anders der Klang hörbar wird, wie anders er sich ausbreitet von unten, wie stark der Einfluss des eigenen Auges dazukommt – auch das eine spannende Erfahrung für die Zuhörer. Die waren am Ende, eingetaucht ins Paradies und voller musikalischer Klangfarben im Kopf, allesamt begeistert von dieser Darbietung der vier Künstler. Ein absolut würdiger Abschluss der diesjährigen Sommerkonzerte.    Irmi Hartmann - Ostfriesischer Kurier